Ivory MacIntyre
Autorin für Phantastik und Horror

Kelch der Toten


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Fenhole ist eine mittelgroße englische Stadt im nördlichen Suffolk. Nördlich der Stadt erstreckt sich der gewaltige Steinkreis aus vergangen Zeiten, in denen sich die Geheimnisse alter Mächte in dichtem Nebel verbergen. Jahrhunderte zuvor, als das Wissen um Zauberei schon längst in Märchenbüchern verschwunden war, siedelten Menschen inmitten der großen Monumente. Dann geschah etwas, was sich  niemand erklären konnte: Nebel und Wasser trieb die Siedler aus dem Steinkreis und zwang sie südlich davon, die Stadt Fenhole neu zu erbauen. Die verlassenen Ruinen gingen als Old Fenhole in die Annalen ein.

Doch die Gerüchte und Erzählungen von Geisterscheinungen beflügelte die Fantasie der Stadtbewohner. Sie begannen das bewaldete Gebiet um die Menhire zu meiden, weil sie magische Wesen darin fürchteten. Trotz des Siegeszugs der Wissenschaft und der Aufklärung ließen sich bizarre Ängste vor Wechselbälgern und teuflischen Gestalten nicht gänzlich aus dem Stadtleben entfernen.

Als im November 1904 tatsächlich riesige, schwarze Hundewesen mit grün leuchtenden Augen aus den Nebeln erschienen, glaubten viele Menschen, dass sich das Tor zur Hölle im Zentrum der Steine geöffnet habe und die Bewohner der Stadt in die Verdammnis führen würden.

Niemand in Fenhole konnte ahnen, dass es viel schlimmer kommen würde...


Glossar und Hintergründe

Die Welt spielt im Jahre 1904 in einem fiktiven England, welches sich stark am viktorianischen England orientiert. Der Fokus der technischen Weiterentwicklung liegt mehr auf den Dampfmaschinen, weshalb "Dampfkutschen" und "Dampfpanzer" erwähnt werden. Dennoch finden sich viele Parallelen zu realen Erfindungen und Entwicklungen, die es um 1904 tatsächlich so gegeben hat.









Leseprobe

Nach einer halben Stunde erreichten sie den Friedhof, welcher durch einen großen massiven Eisenzaun von der Straße getrennt war. Efeu rankte die Metallstäbe hinauf und verwandelte die einzelnen Elemente in eine grüne Hecke. Das große schmiede-eiserne Tor stand offen, aber es waren um diese Uhrzeit keine Besucher unterwegs.

Kunstvolle Eisenkreuze, Stelen, Statuen und andere Stein­metzarbeiten zierten die zahlreichen Gräber, auf denen hier und da verlorene Kerzen in Laternen brannten. Die kahlen Bäume und das alte Laub auf dem Weg verliehen dem Friedhof zusätzlich eine bedrückende Atmosphäre, etwas, das Diana schon immer als sehr beruhigend empfunden hatte. Spaziergänge über Friedhöfe erinnerten sie an die Vergäng­lichkeit des Lebens und vielleicht war das auch ein Grund, warum sie Gerichtsmedizinerin hatte werden wollen. Leben war kostbar und auch wenn sie den Toten keine Hilfe mehr sein konnte, so war sie doch der Meinung, den Seelen durch ihr Tun ein Stück Gerechtigkeit und Frieden zurückgeben zu können.

Glenn führte sie beide ein Stück über den Friedhof zur zentral gelegenen Friedhofskapelle. Die Leichenhalle lag außerhalb der Friedhofsmauern und da der Inspektor keinen Umweg fahren wollte, kürzte er den Weg über den Friedhof ab. Über einen Sandweg ging es zu einem einfachen Durchgang im Zaun. Wenn es hier einmal ein Metalltor gegeben hatte, dann war es schon lange abmontiert worden. Dahinter stand schmucklos und grau ein von Ulmen umgebenes flaches Steinhaus. Die Fenster waren allesamt von innen mit dunkel­roten Vorhängen verhangen und es gab auf dieser Seite nur eine einfache, aber breite Holztür ohne Namensschild.

Nicht in allen Städten befand sie sich direkt neben dem Friedhof, manchmal mussten die Särge bis zur letzten Ruhe­stätte noch weit durch Straßen transportiert werden.

Glenn klopfte, wartete und klopfte nach einer Minute erneut, doch im Inneren rührte sich nichts.

»Sind Sie sicher, dass Mr. Fridman hier ist?«, fragte Cole.

»Er ist immer hier«, antwortete Glenn leicht gereizt und schlug nun mit der Faust gegen die Tür. »Er mag es nur nicht, wenn sein Tagesablauf unterbrochen wird.«

Es dauerte erneut einen Moment, bis hinter der Tür schlurfende Schritte zu hören waren. Ein Schlüssel drehte sich im Schloss, dann öffnete sich die Tür.

Durch den Türspalt strömte sogleich der Geruch von Alkohol, Formaldehyd, Verwesung und Unmengen ätherischer Öle zur Geruchsüberdeckung. Cole verzog angewidert das Gesicht. Für Diana dagegen roch es genauso wie an ihrem Arbeitsplatz an der Universität in Windchurch, nur dass sie nicht ganz so viele Duftöle wie Mr. Fridman verwendete. Die Luft war in solchen Hallen sowieso schon sehr dick und die Konservierungsstoffe brannten in den Augen, da musste sie das Unwohlsein nicht auch noch mit Minz- und Rosenöl verstärken.

Mr. Fridman war ein dürrer, kahler Mann mit einer riesigen Adlernase im Gesicht. Die Augen verschwanden fast zwischen den zausigen Augenbrauen und den dicken Tränensäcken. Missgelaunt wegen der Störung glotzte er zwischen den drei ungebetenen Gästen hin und her. »Inspektor.«

Ob das Wort eine Feststellung, eine Begrüßung oder eine Frage war, konnte Diana nicht genau sagen. Nun, vermutlich war es alles zusammen.

»Guten Morgen Mr. Fridman«, begann Glenn und sofort fuhr ihm der Alte dazwischen. »Sparen Sie sich das! Was soll an dem Morgen gut sein, hä?«

Oh, da hat der Bestatter aber etwas zu lange zwischen seinen Toten gestanden und Chemikalien eingeatmet, dachte Diana. Ja, es war physisch und psychisch belastend, stundenlang in Toten herumzuschneiden und oft wünschte man sich nach solchen Tagen einfach nur Ruhe, aber so eine Laune hatte Diana noch nie versprüht.

»Entschuldigen Sie die Störung.« Glenn zeigte auf Cole und Diana. »Die beiden Herrschaften sind unsere neuen Ermittler bei der Klärung der Mumifizierungen.«

Ermittler? Ich? Diana lachte innerlich auf. Sie hätte sich niemals als Ermittlerin bezeichnet, sie untersuchte nur die Toten, aber es klang schön, dass Glenn sie als Teammitglied ansah. Etwas, das sie in Windchurch so manches Mal vermisste.

»Die was? Mumien? Die sind weg«, knurrte Fridman und wollte die Tür wieder schließen, doch Glenn blockierte sie mit seinem Schuh. Angeekelt glotzte Mr. Fridman den Fuß an, dann sah er mindestens genauso pikiert erst Glenn, dann Cole und Diana an.

»Bitte, Mr. Fridman«, versuchte es Glenn weiter.

»Nehmen Sie sofort Ihren Schuh da weg, bevor Sie mir die ganze Zarge ruinieren!«, keifte der Alte und zeigte anklagend auf den Fuß.

»Ich habe nur ein paar Fragen an Sie.« Diana trat freundlich lächelnd neben Glenn und erntete einen finsteren Blick des Bestatters. »Das dauert nicht lange, ich verspreche es. Dann können Sie in Ruhe wieder ihrer Arbeit nachgehen.« Es war offensichtlich, dass Mr. Fridman sie alle nicht in seiner Lei­chenhalle haben wollte.

»Und wer sind Sie?«, giftete er sogleich Diana an.

»Miss Flanagan«, antwortete sie höflich.

»Aha, Sie wollen also etwas über die Mumien wissen und ich soll Ihnen etwas erzählen, hä?«, fragte Mr. Fridman sichtbar genervt wegen dieser Bitte.

»Ich werde Sie nicht bei Ihrer Arbeit stören, sondern möchte nur ein paar Fachfragen mit Ihnen klären, dann sind wir wieder weg«, versprach Diana.

»Nur für einen kleinen Moment.« Für den kurzen Satz nahm Cole sogar das Taschentuch vom Mund, mit dem er versuchte, sich vor den Gerüchen zu schützen.

Fridman starrte ihn an, und seine Lippen verzogen sich zu einem verächtlichen Grinsen. Offensichtlich amüsierte ihn Coles zweckloser Mundschutz, aber dann wandte er sich wieder an Diana.

»Sie können reinkommen. Aber nur kurz. Und ihr – «, er spuckte die Worte fast aus und stach mit seinem knochigen Finger in Glenns und Coles Richtung, »bleibt hier draußen!«

Glenn verschränkte die Arme vor der Brust und rollte genervt mit den Augen. Das war es also, was Dellaware zögern ließ, als Diana um ein Gespräch mit dem Bestatter gebeten hatte. Er schien eine recht sozialinkompetente Person zu sein.

Cole war dagegen sehr froh, nicht mit in den Gestank gehen zu müssen. Vermutlich war der Ausflug hierher in seinen Augen sowieso reine Zeitverschwendung, denn mit den Toten waren auch alle potenziellen Beweise in den Flammen vergangen.

Diana beschloss, ihm den Gefallen zu tun, sich zu beeilen.

Sowie sie eingetreten war, warf Fridman die Tür hinter ihr wieder ins Schloss und verriegelte sie, bevor die beiden Männer doch auf die Idee kommen konnten, zu folgen.

Der Raum hinter der Tür war dunkel, nur durch die Vorhänge strömte etwas fahles Tageslicht herein. Diana sah schemenhaft einige Stühle, Vasen, Kerzenständer und diverse Devotionalien. Gegenstände, mit denen die Leichenhalle und die Kapelle angemessen für eine Trauerfeier ausgestattet werden konnten.

Mr. Fridman führte Diana durch das kleine Lagerzimmer in die dahinterliegende Leichenhalle. Hier schlug ihr der volle Gestank des Todes entgegen. Stoff- und Papierblumensträuße, getränkt mit aufdringlichen Duftölen, standen verteilt in der kleinen Halle herum.

Ein dicker, schwerer Vorhang teilte ihn in zwei Räumlichkeiten. Während auf der einen Seite Gehilfen die Toten zur Lei­chenschau in Särgen herrichteten, reihten sich auf der abge­trennten Seite Seziertische und Bahren, auf denen die einge­troffenen Verstorbenen entkleidet und gewaschen wurden.

Mr. Fridman ging zu einer männlichen Leiche hinüber und ohne auf Diana Rücksicht zu nehmen, führte er seine begonnene Arbeit fort. Diana konnte es nicht verhindern, dass sie den Toten aus beruflichem Interesse zu mustern begann. Er war offen-sichtlich ertrunken.

Mr. Fridman schnitt dem Toten herzlos die Kleidung vom Leib und begann, ungeniert in den Taschen zu wühlen. Die wertlosen Gegenstände warf er in eine kleine Zinkschale neben dem Tisch, Geld und Schmuck wanderten in die eigene Hosentasche. Dabei murmelte Fridman leise vor sich hin und warf die durchwühlte Kleidung achtlos auf den Boden, wo ein dürrer, bleicher Gehilfe sie eilig mit einem Besen beiseiteschaffte.

Einen kleinen Moment wartete Diana noch, ob der Bestatter von selbst anfing zu reden, aber der schien ihre Anwesenheit schon längst wieder vergessen zu haben.

»Also diese Mumien«, begann Diana schließlich und wartete kurz, ob Fridman reagierte. In der Tat brummte dieser bestä­tigend.

»Ist Ihnen an denen etwas aufgefallen?«

»War es nicht auffällig genug, dass die hier im nassen Fenhole als staubtrockene Mumien im Zimmer hockten?«, stellte er die Gegenfrage.

»Ähm, ja.« Natürlich, deshalb waren sie ja hier, um dieser mysteriösen Tatsache auf den Grund zu gehen. »Aber, Mr. Fridman, wie konnten diese Menschen so schnell mumifizieren?«

»Weiß ich nicht«, war die knappe Antwort.

»Sie haben sie hier begutachtet, oder nicht?«, hakte sie weiter nach.

»Allerdings.«

»Wie war Ihr Eindruck?«

»Völlig ausgetrocknet.« Mr. Fridman entdeckte an der Hand des Toten einen Ring. Mit roher Gewalt zerrte er das Schmuckstück vom Finger und riss dabei die von Wasser weich gewordene Haut mit herunter. Den bleichen Fetzen warf er ebenso achtlos auf den Boden und steckte den Ring zum bereits gestohlenen Hab und Gut.

Diana spürte Wut in sich aufsteigen. Wie konnte dieser Mann nur so respektlos mit den Toten umgehen? Das entsprach überhaupt nicht ihrer eigenen Moral und Berufsethik. Der menschliche Körper solle stets mit Ehre behandelt werden, ob lebendig oder tot. Niemand würde auf die Idee kommen, einem Toten die Haut herunterzuziehen oder sich über deren Aussehen zu erheitern.

Wenn Fridman wenigstens reden würde, aber diese abwei­sende, maulfaule Art von ihm war zum Verrücktwerden und da sollte man auch noch ruhig und höflich bei bleiben!

»Und wo ist das Wasser hin?«, fragte Diana trotz allem ge­duldig.

»Weiß ich nicht.«

»Haben Sie etwas gesehen?«

»Nein.«
»Chemikalien, Spuren einer Krankheit?«

»Nein.«
Herrgott, am liebsten würde Diana diese alte Krähe an ihrer Hakennase packen und einmal kräftig in Formaldehyd tauchen.

»Sie haben die Leichen doch bestattet, oder nicht? Oder sind die aus Versehen irgendwo in einen Brunnen gefallen?«, fragte Diana schnippischer als gewollt. Aber es zeigte Wirkung, denn Mr. Fridman sah endlich zu ihr auf.

»Was wollen Sie eigentlich von mir?«, fragte er unhöflich. »Ich hole Tote ab, ich bringe sie her, mach sie sauber, sarge sie ein und verscharre sie im Dreck.«

Diana blieb fast der Atem weg.

»Wir versuchen hier, einen Mörder zu finden«, presste sie leise hervor.

»So? Na dann viel Erfolg.« Mr. Fridman hob jetzt nach und nach die Glieder des Toten an und ließ sie nach einem kurzen Blick wieder achtlos fallen.

»Sie könnten mit ihrem Wissen der Polizei einen großen Schritt weiterhelfen«, versuchte Diana es ein letztes Mal, an sein Ehrgefühl zu appellieren. Sie wollte nicht ohne ein Ergebnis zu Cole und Glenn zurückkehren.

»Aha«, machte Fridman. Am Fußende des Tisches füllte er einen Totenschein aus und deckte den Toten wieder zu, damit seine Gehilfen ihn waschen und ankleiden konnten. Das war´s? Das war die ganze Untersuchung? Mr. Fridman versuchte nicht einmal herauszufinden, ob der Mann wegen eines Unfalls ertrunken war oder durch einen Mord. Wie konnte die Polizei diesen Stümper weiter unterstützen?

Der Gehilfe mit dem Besen schleppte einen Eimer mit Seifen­lauge her, damit er den Toten reinigen konnte.

Ein weiterer Assistent erschien, der zwar das Gesicht eines jungen Mannes ohne nennenswerten Bartwuchs hatte, aber den Körper eines Fünfzigjährigen. Mit einem Maßband nahm er die Körpergröße des Toten auf, um für ihn passende, schlichte Totenkleidung herzuholen. Normalerweise wurden Verstorbene von ihren Angehörigen in ihre schönste Garderobe eingekleidet, damit sie würdevoll beerdigt werden konnten. Fehlten die Angehörigen oder Vormunde, dann stellte der Bestatter eine einfache, weiße Leinenrobe zur Verfügung.

Vielleicht sollte Diana die Gehilfen fragen, wenn der Alte schon nicht mit ihr reden wollte. Der war derweil zum nächsten Tisch gegangen und entblößte eine weibliche Leiche mit einer offensichtlichen großen Wunde im Scheitelbein des Schädels. Vermutlich stumpfe Gewalt gegen den Kopf. Form, Tiefe und Winkel würden Aufschluss darüber geben, ob der Frau etwas auf den Kopf gefallen war oder ob jemand einen stumpfen Gegenstand als Waffe benutzt hatte.

»Wollen Sie den Mann nicht weiter untersuchen?« Diana konnte es einfach nicht dabei belassen. Alles in ihr schrie danach, den Leichnam zu untersuchen.

»Wozu?«

»Nun, um herauszufinden, wie er gestorben ist.«

»Ertrunken, sieht man doch«, antwortete Mr. Fridman gallig. Diana presste die Lippen aufeinander, ihr gutes Elternhaus hatte ihr beigebracht, immer und zu jedem höflich zu bleiben. Mr. Fridman war jetzt wirklich eine Bewährungsprobe.

»War es Mord?«

»Wer sind Sie eigentlich?«, fragte der Alte, ohne aufzusehen. Mit der Schere schnitt er der Toten nun die dreckigen, blut­verschmierten Kleider vom Leib. »Sind Sie nur hier, um mir ins Gewissen zu reden? Hat Mr. Craven Sie geschickt?«

»Nein«, antwortete Diana, endlich ein wenig zuversichtlicher, dass Mr. Fridman vielleicht etwas mehr sprechen würde. »Ich bin Rechtsmedizinerin und –.«

»Ach, sagen Sie bloß.« Mr. Fridman unterbrach sie missbilligend und musterte sie anschließend geringschätzig. »Eine Frau schneidet an Toten herum. Dass ich so etwas mal erlebe!«

»Was hat das mit meinem Geschlecht zu tun?«, fragte Diana brüskiert.

»Frauen sind immer so hysterisch und empfindlich«, antwortete er und fügte frivol hinzu: »Frauenhände sollten sich nur am lebenden Fleisch die Finger schmutzig machen.«

Diana atmete tief ein und versuchte so, ihre Wut und Abscheu gegen diesen Mann zu ignorieren. Gleich würde sie hier wieder hinauskommen und dem Mann hoffentlich nie mehr begegnen. Mr. Fridman bemerkte sehr wohl, dass er Diana damit in eine unangenehme Situation manövrierte und er hatte sichtbar Spaß daran. Ein schmieriges Lächeln umspielte seine spröden Lippen.

»Das ist meine Entscheidung und ich bin nicht hier, um mit Ihnen über meinen Beruf zu sprechen«, antwortete Diana distanziert.

»Sie wollten mir doch erklären, warum der da«, er deutete auf den Toten, »ein Mordopfer ist. Also los, bitte, beweisen Sie mir Ihre Behauptung.«

»Bitte was?« Diana hatte sich wohl verhört. Was sollte das jetzt werden? »Soll ich das tun, was eigentlich Ihre Arbeit sein sollte?«

»Sie wollten doch meine Einschätzung der Mumien. Also los, warum ist der Mann ein Mordopfer?«

Mr. Fridman sah sie nun herausfordernd an. Am liebsten würde Diana jetzt hinausgehen, denn so vorgeführt zu werden, passte ihr überhaupt nicht. Für wen hielt sich dieser Kerl bloß? Aber auf irgendeine Art und Weise weckte es auch ihren Stolz. Sie hatte so lange dafür gekämpft, an der Universität anerkannt zu werden, und musste auch jetzt immer noch darum kämpfen, dass man sie weiterhin ernst nahm.

Wenn der Alte es so wollte, also bitte. Sie trat an den Tisch heran, damit sie sich den toten Mann genauer ansehen konnte. Der Gehilfe mit der Seife hielt inne und sah fragend zu seinem Arbeitgeber. Der scheuchte ihn mit einer abfälligen Hand-bewegung davon.

Der Assistent mit der Totenkleidung blieb dagegen in der Nähe stehen und sah dem Treiben interessiert zu.

»Der Tote hier hat sich gewehrt«, erklärte Diana sachlich. Mr. Fridman tat erst desinteressiert und wollte sich demonstrativ der weiblichen Leiche zuwenden, doch dann sah er auf und kam nach kurzem Zögern doch um den Tisch herum, damit er besser sehen konnte, was Diana ihm zeigen wollte.

»Seine Hände und hier am Unterarm.« Diana zeigte auf ein paar unscheinbare Verletzungen. »Das sind Kratzer von Fin­gernägeln. Der Mann wurde vermutlich festgehalten, versuchte sich zu befreien. Wenn Sie ihn aufschneiden, können Sie anhand der Lungen feststellen, ob er ertrunken ist, oder schon tot ins Wasser geworfen wurde.«

Sie machte eine Pause, damit die Information bei Mr. Fridman sacken konnte. Dieser schaute sie mit ausdruckslosem Gesicht an. Nur ein leichtes Beben seiner Wangenmuskeln zeigte, dass seine Backenzähne vor Wut mahlten.

Demonstrativ sah sich Diana um. »Haben Sie ein Skalpell und eine Knochensäge? Dann können wir uns die Lungen gemeinsam–«

»Sie fassen hier nichts an!«, bellte Mr. Fridman los und auch wenn Diana wegen des verbalen Ausbruchs zusammenzuckte, konnte sie sich ein süffisantes Grinsen nur mit viel Mühe ver­kneifen. Es war eine Wohltat, der alten Krähe eins auszu­wischen. Leider fasste er sich relativ schnell wieder.

»Nun gut, Sie wollten meine Einschätzung zu den Mumien«, sprach er unterkühlt.

»So ist es.« Diana blieb souverän, nicht dass Mr. Fridman sie doch noch rausschmiss, weil er ihr kluges Geschwätz nicht weiter erdulden wollte.

»Eines kann ich Ihnen sagen, das war kein Gift und«, er wedelte abfällig mit der Hand in der Luft, »keine Krankheit. Die Mumien waren innen genauso trocken wie außen. Sie hätten die Herzen sehen sollen, trocken wie kleine harte Brötchen, die ich mit einer Hand zerbröseln konnte. Das richtet kein Gift innerhalb weniger Stunden an.«

»Waren sie wirklich überall so ausgetrocknet?«

»Die haben einen prima Zunder ergeben und so gut gebrannt, dass ich Brennholz gespart habe«, sagte der Bestatter mit einem Grinsen.

Diana versuchte, sich nicht weiter von ihm provozieren zu lassen und doch war sie enttäuscht, dass Fridman ihr keine hilfreichen Hinweise liefern konnte.

»Was könnte es Ihrer Meinung nach gewesen sein?«, fragte sie freundlich weiter.

Mr. Fridman hob seine knochigen Schultern. »Magie?« Stellte er ihr die Gegenfrage – oder warf er sie einfach nur so in den Raum?

Leider konnte sie die Frage nicht verneinen, auch wenn ihr wissenschaftliches Herz dies gerne tun würde. Magie, Zauberei – dass sie dies tatsächlich einmal in Betracht ziehen würde! Aber solange, bis sie keine Gegenbeweise gefunden hatte, musste sie diese Möglichkeit schlicht und ergreifend im Hinterkopf behalten.

Kurz überlegte sie, ob sie den Bestatter noch auf John Jones ansprechen sollte, aber nachdem dieser bisher vor Inkompetenz nur so strotzte, verwarf sie dieses Vorhaben. Vermutlich wusste der Bestatter nicht einmal mehr, wer Mr. Jones gewesen war oder dass er sich angeblich erhängt hatte. Ob er sich morgen noch daran erinnern konnte, welche Toten hier gelegen hatten, war ebenso fraglich.

»Vielen Dank Mr. Fridman«, bedankte sie sich höflich, obwohl sie diesem Ekel eher eine ansteckende Krankheit an den Hals gewünscht hätte. Wenigstens hatte sie ihm seine eigene Un­fähigkeit vor Augen führen können.

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